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Teilnehmerbrief an den AMJ (Arbeitskreis Musik in der
Jugend) vom 30. Oktober 2014
Klezmer-Wundertüte
Was ist das? Ein scheinbar nicht endender Fluss aus sich immer
wiederholenden Ohrwürmern durchflutet mich. Erstaunlicherweise geht er mir
dabei nicht auf den Geist. Im Gegenteil – die Melodien, zugleich lebhaft und
tragisch, schwer und hüpfend, begleiten mich im Takt des Klapperns meines
Fahrrades und lassen mich singend und pfeifend durch den Tag tanzen. Dieser
unendliche Tanz – auf jiddisch „Sher on a Shier“ - wurde in mir durch das
sich ebenso nennende Klezmerquartett bei einem großartigen Konzert wach
gekitzelt. Das Konzert war zugleich Auftaktveranstaltung für den 17.
Klezmerworkshop des amj unter der Leitung von Sabine Döll (Kontrabass &
Flöte), Franka Lampe (Akkordeon), Anja Günther (Klarinette) und Johannes
Gräßer (Geige). In den folgenden 3 Tagen eröffnete sich den 27 Teilnehmenden
des Workshops eine Wundertüte der verschiedenen Facetten des Klezmer – der
traditionellen Musik der jiddisch sprechenden Juden Osteuropas. Gemeinsames
Singen, Tanzen, Hören. Melodien und Rhythmen. Geschichte und Hintergründe
des Klezmer kennen lernen. Die Tiefe dieser Musik erahnen und
gemeinsam erfühlen – so richtig in Worte fassen lässt sich das gar nicht.
Die Teilnehmenden im Alter von ca. 12-75 Jahren erwartete gleich am ersten
Abend ein ungezwungenes, nettes Beisammensein. Aus einer Ecke des Raumes
mischte sich eine jiddische Melodie in die Erzählstimmen. Sie breitete sich
aus und wurde schlussendlich bis zur Ekstase gesungen. Gleich war eine
Verbundenheit und Herzlichkeit im Raum zu spüren, welche uns die nächsten
Tage begleiten sollte.
Ein Hauptbestandteil des Workshops, der sich gleichermaßen an Laien und
Fortgeschrittene richtete, war das Erarbeiten zweier Klezmerstücke in
kleinen Ensembles. Hierfür fanden sich Alt und Jung zusammen und jeder
konnte seine Talente und Ideen einbringen. Begleitet wurde die Arbeit
jeweils abwechselnd von den Dozenten, die nicht nur Anregungen zu
musikalischen Techniken und Stilistik, sondern auch zur Ensemblearbeit und
Zusammenspiel gaben. Auch brachte hier jeder Dozierende seine persönlichen
Stärken und Humor ein. So verinnerlichten wir Teilnehmenden den
Grundgedanken des nicht perfekten, dafür aber „singenden“ Musizierens von
innen heraus.
Umrahmt und ergänzt wurde die Arbeit in Kleingruppen durch vielfältige
Angebote, die den Klezmer erfahrbar machten. In der Session „Du hast die
Wahl“ konnte jede_r ihren/seinen Interessen und Fähigkeiten entsprechend
zwischen verschiedenen Angeboten wählen.
Im „Tutti“ sangen wir gemeinsam, lernten so Melodien auswendig und erfuhren,
wie beschwingt es auf einmal klingt (auch auf dem Instrument), wenn Niemand
auf das Notenblatt starrt. Des weiteren gab es Lockerungsübungen und Atmen,
Rhythmuslehre, Frankas Harmoniegymnastik, Hörstunde, Chaosorchester sowie
die ganzheitliche körperliche Erfahrung im Lernen der jiddischen Tänze. Das
Tanzen in der Kette, welches von den Dozierenden mit Live-Musik begleitet
wurde, lockerte die Runde weiter auf.
Auch die wunderbar liebevoll zubereitete Verköstigung (meist vegetarisch)
und die schöne Landschaft erwärmten die Herzen und trugen zu guter Stimmung
bei. Auf dem Nachbarhügel der Wartburg, umgeben von buntem Herbstwald,
traumhafter Aussicht über die Täler und Sonnenaufgang auf dem Balkon konnte
man sich nur wohl fühlen. Und so hörte man auch beim mittäglichen
Spazierengehen im Wald den ein oder anderen Teilnehmenden musizieren.
Den krönenden Abschluss bildete das kursinterne Konzert, bei dem die
Resultate der vergangenen Tage erklangen. Im Fokus standen dabei die
Darbietungen der verschiedenen Kleingruppen, die ihre Interpretation der
Klezmerstücke - jede mit eigenem Charme und verschiedenen Ideen fernab jeder
Verbissenheit - vorspielten. Mit tosendem Applaus und einem
sentimental-grandiosen gemeinsamen Abschiedsstück waren sich alle sicher:
„Wir sehen uns nächstes Jahr wieder!“
Was? So lange noch? Ein Glück, dass wir die Zeit nutzen können, um unsere
Ohrwürmer zu pflegen und die Inspirationen und neuen Fähigkeiten mit in
unsere eigenen musikalischen Tätigkeiten zu integrieren.
Und nicht zu vergessen – die frisch gepresste CD von „Sher on a Shier“ wird
uns durch den Tag tanzen lassen....
Neugierig geworden? Also bis nächstes Jahr!
Sophie von Lampe & Luzia Walsch
Aus der
Augsburger Allgemeinen vom 31. Oktober 2011
Musik, die in die Beine fährt
Das Festival der 1000 Töne beginnt mit den Klezmer-Nächten in der Synagoge
[...] „Sher on a Shier“ hatten einen Rhythmus, der in die Beine fuhr. Die
traditionellen Tänze und Melodien wie Hora, Chosidl und Bulgar wurden
stimmungsvoll eingeleitet, mit musikalischer und musikantischer Leidenschaft
gespielt. Oft wurden mehrere Nummern zum Medley verbunden.
Das Quartett blieb, mit kleinen Ausschmückungen, an den Originalmelodien und
betörte durch seine farbige Instrumentierung, etwa die außergewöhnliche
Kombination aus Querflöte oder Altquerflöte und Klarinette, Letztere durch
ihren weichen, warmen Ton. Ein zartes Geigenpizzicato als Begleitung, ein
plastischer Rhythmus, nur kurze solierende Ekstase, aus dem Unhörbaren
entstehende musikalische Gestalt – der Klezmer von „Sher on a Shier“ war
einfallsreich. [...] Man hätte zu ihrer Musik tanzen wollen.
Aus der
Rhein-Lahn-Zeitung vom 5. September 2011
Klezmer-Klänge begeistern in der Kirche
Musikalische Festtagsstimmung des osteuropäischen Judentums machte sich am
Wochenende im Singhofender Einrichdom breit. Das Quartett Sher on a Shier
begeisterte mit seiner Interpretation jiddischer Tanzmusik, dieser ganz
eigenen Mischung aus Freude und Melancholie, die Besucher des evangelischen
Gotteshauses.
Das jiddische Sher on a Shier bedeutet so viel wie Tanz ohne Ende. Der
Name ist Programm im Hinblick auf die Weiten der Stimmungen, die das Quartett
erschließt. Sinnig und abwechslungsreich haben die vier Vollblutmusiker ihren
zweistündigen Auftritt zusammengestellt, sowohl was Instrumentierung als auch
wechselnde Besetzung anbelangt. Das fördert die Facetten der Klezmer-Musik
nicht nur hör-, sondern auch erlebbar und lebendig in den unterschiedlichen
Tanztakten zutage, vom erfrischend flotten "Sher" über die
schreitende "Hora" und kecke "Freylekhs" bis zur
verträumten "rumeynischen Fantasie".
Erst seit Anfang dieses Jahres spielen die vier zusammen, versprühen die
osteuropäischen Gefühle zwischen Heiterkeit und Schwermut aber bereits als
eine überzeugende und zündende Einheit. Mit tänzelnden Bewegungen schicken
die Künstler die Töne aus dem Altarraum ins Kirchenschiff, bewegen sowohl
die Fußspitzen und Finger der Besucher als auch deren Gemüter. Mit
ansteckender Leidenschaft agieren die Musiker - jeder für sich ein Meister
seines Instrumentalfachs.
Schön wie Anja Günther aus Augsburg ihre Klarinette, dem typischsten aller
Klezmer-Instrumente, immer wieder schreien und schluchzen lässt und wie
Johannes Paul Gräßer aus Erfurt leidend oder jauchzend seine Violine
streicht, zupft oder den Bogen über ihre Saiten hüpfen lässt. Sabine Döll
aus Dornholzhausen, der das Gastspiel zu verdanken ist, schlägt und streicht
den Takt beherzt am Kontrabass oder nimmt an der Querflöte auf sanft
sinnierende Melodiereisen mit. Am Akkordeon sorgt Franka Lampe aus Berlin für
einfühlsame Einstiege in die Lieder, verleiht dem Gesamtklang die
charakteristische Wirkung des Klezmer-Sounds oder lässt als einfühlsame
Begleiterin ihre drei Mitspieler der Reihe nach brillieren. Mitreißend
effenktvoll spielt das Ensemble mit dynamischen Steigerungen aus dem Nichts
bis zum rauschenden Forte und macht auch so das wechselvolle Gefühlsbad
zwischen Weinen und Lachen perfekt.
Bernd-Christoph Matern
Aus der Rhein-Lahn-Zeitung vom 9. Januar 2011
"Das neue Klezmerensemble versetzte sein Publikum bei seinem zweiten Konzert in Verzückung"... "Das Zusammenspiel der Instrumente fesselte die Zuhörer. Gräßer strich seine Geige, ließ sie lachen und weinen, wartete auf die Klarinette, die Anja Günther meist mit geschlossenen Augen erklingen ließ. Das Akkordeon von Franka Lampe schlich sich mit ein, zuerst monoton mit einem Bass, passend zum zart gezupften Bass von Sabine Döll, dann mit frohen Klängen heitere Stimmung erzeugend, die aber im nächsten Moment in Melancholie verfiel"..... "Jedes Instument sang sein eigenes Lied, rief die anderen Instumente auf zum Mittanzen. Das Publikum lauschte mitgerissen, die Füße wollten tanzen, verharrten aber einen Moment später wieder, weil unendliche Traurigkeit die überschwängliche Fröhlichkeit verdrängte. Die Klezmorim wiegten sich versunken in den Wellen ihrer Musik"....
"Der Auftritt bereitete nicht nur dem Publikum sehr viel Freude, auch die Klezmorim selbst
hatten ganz offensichtlich sehr viel Spaß an ihrer Musik"
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